Diese Anmerkungen gehören genauso wenig in die Öffentlichkeit, wie die gesammelten Grafiken selbst. Sie zeigen die Welt in einem befremdlichen Licht (im fahlen Licht des Verlierertums).
Meine stumm-Grafik war nicht Suchen nach einem künstlerischen Stil. Stil, die "Kunstwelt", sog. Öffentlichkeit waren in meiner Lage uninteressant.
Es ging um (teils subversives, teils autoaggressives) "Klarkommen" mit Abserviertheit im gesellschaftlichen Leben, mit dem Ausbleiben der eigenen Persönlichkeitsentwicklung – es ging um Verweigerung, um das Verlieren und um Selbstaufklärung über deren Unausweichlichkeit.
Die Grafiken sollten Nicht-Kunst sein, von weit unten: zerstört, störend, für sich.
Es war schwer für mich (der Ziellosigkeit dieses Ansatzes gewiss), mit den eigenen Bildideen kühl und konsequent umzugehen. In Attacken hatte ich etliche Zeichnungen vernichtet (mein damaliges Urteil: 'würdelos' – obwohl gerade das ja der Kern der stumm- Thematik war). 'Unauffällig' wurde dabei plötzlich zur grafischen Qualität.
Diese Biografie ist ausserdem Ablehnung der üblichen CV-Selbstdarstellungen (als "Souverän des eigenen Lebens" usw.).
'Rücksichtslos-Wahrheiten-aussprechen' oder 'Sich-die- Tatsachen- schönreden' – das ist Gegenteiliges – ich kann beides nicht gut voneinander trennen.
Die Zeichnung war während einer Vorlesung entstanden ("automatisch", wenn man einen Begriff des Surrealismus gebraucht). Die Halsschlinge habe ich später ergänzt, sie ergibt die Deutung "Bootstrapping out of Communism".
(Bootstrapping -> Baron von Münchhausen)
Mitte der 70er Jahre war im Osten jedem jungen Mann mit Hochschulreife der gewünschte Studienplatz zugesagt worden, sofern er einen (Offiziers-)Wehrdienst von 3 Jahren anstelle der gesetzlichen 18 Monate leistete.
Ich war nicht fähig, auf dieses Angebot einzugehen und musste mich mit einem unbefriedigenden (für mich beruflich mehr oder weniger sinnlosen) Ingenieurstudium anstelle eines Architekturstudiums begnügen. – Aber Architektur studiert man schliesslich, um Ausserordentliches hervorzubringen. Wer fähig war, Reserve- Offizier zu sein, hatte nichts Ausserordentliches. Das war nur logisch.
Die bittere Erfahrung war also nicht, dass es für die vielen jungen Offiziersanwärter/ Architekturstudenten keine Rolle spielte, gegen wen sie gegebenenfalls Waffen zu richten hätten. - Bitter waren verschiedentliche Erfahrungen, bei der Chance, einen Partner zu finden, durch das Sieb gefallen zu sein. "Frauen wählen sich einen Mann, der weiss, was er will und der bereit ist, dafür ALLES zu tun."
Die finale (
) Finsternis, die daraus zu erahnen ist, ignoriert man, solange man jung ist.
Wie ist das Leben auszurichten: suchend nach dem Wesentlichen oder den Erfolg suchend?
Mit der (fragenden) rechten Zeichnung hatte ich Wesensunterschiede zwischen Mann und Frau noch angezweifelt, besser gesagt: ich hatte bis dahin keine Gelegenheit, diese kennenzulernen.
Die weiblichste aller Eigenschaften ist wahrscheinlich die, die Wahrheit (eigentlich überhaupt jedes) nicht als Wert an sich anzusehen, sondern als Mittel zum Zweck (welches, wenn es passt, auch mal in die gegenteilige Position verkehrt werden kann). Das ist intelligent, erfolgsorientiert und entspricht (bis hinein in erkenntnistheoretische und quantenmechanische Dimensionen) dem Weltgefüge.
Zu respektieren an einer Frau, fand ich diese Haltung auf mich selbst bezogen nicht akzeptierbar.
Sinnsuche und das Festmachen der Wahrheit als Wert an sich erschienen mir als "männlich naiv" und unabdingbar – z.B. in der Kunst.
(Hatte ich überhaupt Interesse an Frauen? – Eine ausgestiegene Atomphysikerin, die an einer Treppe zwei Stufen mit einem Schritt nimmt - das wäre z.B. interessant gewesen.)
Die Zeichnung "Self-Healing" jedenfalls war die Illustrierung einer begründeten Ausmerzung.
"Der Staatsfeind" (links) und "Freiheitliches Propaganda- Objekt" (rechts) sind zwei der Arbeiten, die in der einzigen Ausstellung hingen, die ich überhaupt einmal mit meinen Arbeiten in Deutschland hatte (1980, Weimar, Studentenclub Kasseturm).
Bei dem linken Blatt handelt es sich um eine Rekonstruktion (2004). Der Grad des Kleingemachtseins der originalen Figur wäre aus heutiger Sicht gar nicht verstehbar.
Thema des rechten Objekts: Schwarz-Rot-Gold mit Durchbrechen der Einmauerung.
Auf mein damaliges Ausgeschlossensein von jeglicher persönlicher Souveränität (von solcher der Berufswahl, von bürgerrechtlicher wie von künstlerischer) reagierte ich mit einer Forcierung billiger Prolet- Ästhetik. (Zu einem Ausdruck von Bestand führte das nicht.)
Als Aussenwerbung für die Ausstellung hatte ich eine hässliche kleine Federzeichnung in den Schaukasten des Studentenklubs gehängt: sie zeigte ein enges Karree, umstellt von einem Grenzzaun aus Stacheldraht, in dessen Mitte ein junger Mann beim Onanieren dargestellt war. Die Zeichnung war mit Sperma auf Karton geklebt (was mit der Verschrumpelung und Verfärbung des Papiers perfekt war). Die Zeichnung wurde am nächsten Tag entfernt, ich habe sie später vernichtet.
In den 80er Jahren im Osten (in Mecklenburg) eine eigene Kupferdruckpresse (Bild) zu bauen und zu betreiben und damit die Staatskunst des Verbandes Bildender Künstler zu unterlaufen - das könnte eine passende Form sein, geistige Unabhängigkeit zu proben. (Über maschinelle Vervielfältigungs technik beanspruchte der damalige Staat die vollständige Kontrolle. Mein geplanter persönlicher Freiheitsbeweis sollte also nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell funktionieren.)
Die erste freie Radierung nach dem technischen Experimentieren war eine Illustration zu Wolf Biermanns "Warte nicht auf bessre Zeiten".
Ein finanzielles Polster hatte ich nicht - es musste also alles schnell gehen! - Das tat es auch, allerdings in einer Weise, die ich nicht geahnt hatte.
Meine damalige Freundin verwirklichte ihre heimliche Absicht schwanger zu werden, gegen meine ausgesprochene Verneinung einer Familiengründung. Meinem geplanten o.g. Freiheitsbeweis stand nun ein geplanter Unfreiheitsbeweis gegenüber.
Die Beziehung ging damit zu Ende.
Ohne einen Beruf erlernt zu haben, aus dem ich hätte Selbstbewustsein schöpfen können, hatte ich in den folgenden 15 Jahren die verschiedensten einfachen Arbeitsverhältnisse zur Beschaffung des Unterhalts.
Die Bezeichnung "stumm" war von mir zunächst als Titel einer periodischen Graphik- Sammelmappe geplant (mit einer "persönlichen" Auflagenhöhe von 2 bis 3).
Der Hintergrund der Namensgebung war folgender:
In den 80er Jahren war der "Neo-Expressionismus" angesagt (Junge Wilde) mit dem Vorbild "Der Sturm". Abgesehen davon, dass ich es formal und künstlerisch unehrlich fand, stundenlang darüber nachzudenken, wie die nächsten "spontanen, emotionsdiktierten Pinselhiebe" auszusehen hätten, war diese Expression auch inhaltlich wenig wahrhaftig. Die Attitüde des Befreiungsschlages war nicht echt - es ging nicht um Befreiung, es gab nur Marktkonformes im Westen und Systemkonformes im Osten.
Meine konträre Position dazu ("stumm") sollte ein Wortspiel sein zwischen "Der Sturm", "Verstümmelung" und der Tatsache, dass freie Äusserungen (Expression) in dieser Gesellschaft ohnehin totgeschwiegen wurden.
Der Ansatz war so treffend für die Situation, dass ich bald alle meine Arbeiten mit STUMM signierte und "stumm" war.
Was sind die (von mir so bezeichneten) "Brentano-Jahre"?
1985 hatte ich jede Grundlage, meine Lebensplanung verwirklichen zu könner, verloren (Unterhaltsverpflichtungen für ein uneheliches Kind).
Mein Vater starb, gerade als klar wurde, dass ich nichts Befriedigendes aus meinem Leben würde machen können. - Das schmerzte.
Die Jahre 1986/87 bedeuteten für mich Resignation und waren ohne Antrieb, meine 'stumm-NichtKunst' noch fortzuführen.
Das Erwachen kam. Die Brüder meiner damaligen Freundin (Bild links) enttarnten sich als STASI-Leute. - Und das bei Gelegenheit eines Weihnachtsbesuches mit meiner (nicht mehr jungen) Mutter im Elternhaus der Braut. - Traumatisch.
Fazit: zerschnittenes Tischtuch und ein Schluszstrich unter die Kleinheit dieser zwei rückwärtsgewandten Brentano-Jahre.
Der BALLOONHEAD - die Denkblase - ist Universum und Nichtigkeit zugleich.
Die Entfremdung ("sinnentleerter Ersatz-Kopf") blieb das Thema, von den ersten Radierungen (1985) bis zu digitalen Entwürfen zwanzig Jahre später.
Mit dem "Wände"-Blatt (rechts) war ich mir sicher, die Technik des Radierens (die ich mir parallel zum finanzierenden Arbeitsleben selbst beigebracht hatte) endgültig zu beherrschen. – Es war aber auch meine letzte Radierung.
Mit der Öffnung der Berliner Mauer öffnete sich eine Welt, die voller Laser-Drucker und Kopiermaschinen war. Sich in Radierungen ausdrücken zu wollen, war ab sofort ein Anachronismus.
1990 entstand mit dem erstes Ausprobieren von Künstler-Ölfarben westlicher Qualität der "Sturz mit fliegender Fahne" (links).
Zusammen sind die beiden BALLOONHEADS ein Dokument des deutschen Mauerfalls.
Den Mauerfall hatte ich mit meinem Plakat-Schild auf der Grossdemonstration in Ost-Berlin zwar gefordert - dass dieser real eintreten könnte, lag ausserhalb meiner Vorstellungswelt.
Nach der gesellschaftlichen Wandlung war an ein Nebeneinander von Grafik und Arbeit zum Lebensunterhalt kaum noch zu denken.
Die gesellschaftliche Realität als Papp-Kulisse zu erfahren, war einer der wenigen Vorteile des kalten Krieges gewesen.
Hetze war Hetze damals, beiderseits. Der wechselseitige Blick von aussen öffnete die Augen, in einem eindimensionalen Konstrukt zu lebt, so oder so.
In der Umbruchszeit gab es noch ein paar Piratensender (sogar bei einem Staatsvertragssender - Radio 100 in Berlin - gerieten 2 oder 3 Sendungen ausser Kontrolle).
Danach ist in der präsenten Kommunikation, in den Massenmedien alles dicht, hermetisch - was die beiden Zeichnungen reflektieren.
Das Verschwinden jeder fundamental aussenstehenden Weltsicht als Vereinsamung zu empfinden, ist für Westdeutsche kaum nachvollziehbar. – Sie hatten schliesslich Positionen des ostdeutschen Systems (z.B. zu Vietnam, zu den Kämpfen in Südamerika, Afrika, dem Nahen Osten) in diesem Sinne gar nicht ernst-/ nicht wahrgenommen (oder das generelle Empfinden, zu den Systemen nicht dazuzugehören).
Der BEAMHEAD ist neben dem BALLOONHEAD eine Figur, die ca. 1988 entstanden war, also mit ziemlich depressivem Ursprung (selbstzerstörerisch, wirr etc. – Bild rechts) ("Fremdbestimmtheit quer im Kopf").
2001, dreizehn Jahre nach der Entstehung, machte ich den BEAMHEAD zum Bestandteil einer
Plakatserie an der Universität der Künste Berlin, Studiengang Architektur (Bild links). Der BEAMHEAD mutierte dabei versuchsweise in sein Gegenteil: selbstbehauptend, klar, konstruktiv ("Grosse Idee quer im Kopf"). – Letztlich war das aber ein (zehn Jahre andauernder) illusorischer Versuch.
Mit der ASHES-Serie war die stumm-Kunst (mit dem Vorsatz der "Wahrheitssuche") am Ende und gescheitert, man könnte auch sagen: erfüllt (im Sinne der stumm-Fragestellung nach der Entwürdigung:
Verweigerung, Verlierertum und Selbstaufklärung über deren Unausweichlichkeit).